Thema Monatsgruß 10/11 2020

Gott begegnen im Gebet

Die meisten Menschen tun sich mit dem Beten eher schwer. Das ist jedenfalls der Eindruck, den ich über die Jahre aus Gesprächen mit den
unterschiedlichsten Menschen gewonnen habe. Viele haben ein schlechtes Gewissen, weil sie sich nur in Notsituationen an Gott wenden. Andere wissen nicht, wie sie mit Gott in einer angemessenen Art reden sollen. Wieder andere sind verunsichert, welche Erwartungen sie an ihr Gespräch mit Gott knüpfen dürfen. 

Andererseits hat das Gebet für den Glauben eine zentrale Bedeutung. 

So schreibt Paulus an die Gemeinde in Thessalonich (1. Thess. 5, 17-18): „Lasst euch durch nichts vom Gebet abbringen! Dankt Gott in jeder Lage! Das ist es, was er von euch will und was er euch durch Jesus Christus möglich gemacht hat.“  Im Zweifelsfall ist unser Gebet also wichtiger als alles andere. Was also könnte uns helfen, dass unsere Praxis des Gebetes an Intensität und Lebendigkeit zunimmt?

Dazu sollen die vier folgenden Gedanken Anregung geben.

 

Beten ist viel mehr als eine fromme Aktion

Viele kennen Gebet als Bestandteil eines Gottesdienstes, als Sprechen eines gelernten oder abgedruckten Textes oder als Ritual vor dem Essen oder Einschlafen. All dies ist ohne Frage gut und wichtig. Es kann uns aber auch in der Auffassung bestärken, beim Beten ginge es um das
Ableisten einer frommen Tat. So praktiziert, bleibt unser Gebet meist oberflächig und es fehlt ihm an Lebendigkeit.

Ganz anderes stellt sich Gebet dar, wenn wir es als Ausdruck einer Beziehung verstehen. 

Dann liegt der Sinn des Betens darin, sich der Gegenwart Gottes bewusst zu werden und mit Ihm ins Gespräch kommen. Wie bei einem vertrauensvollen Gespräch mit Freunden ist auch unser Gespräch mit Gott von einem Wechsel zwischen dem Aussprechen eigener Gedanken und Gefühle und dem Hinhören auf unser Gegenüber bestimmt. Es liegt auf der Hand, dass ein solches Gebet wesentlich davon geprägt ist, welches Bild ich von meinem Gegenüber habe und mit welchen Erwartungen ich ihm begegne. Hierbei stellt sich z.B. die Frage, ob ich Gott als Automat zur Erfüllung meiner Wünsche verstehe oder ob ich Ihm zugestehe, dass er am besten weiß, was mir guttut und was nicht. Die Art, wie wir miteinander reden, drückt aus, welche Art von Beziehung uns verbindet. 

Impuls: Wie hat bisher mein inneres Bild von Gott meine Art zu beten bestimmt?

 

Beten ist das Atmen der Seele

Je mehr eine Zeit des Gebets an Tiefe gewinnt, desto mehr berühren sich Gottes Gegenwart und das Innerste meiner Person. Man könnte auch
sagen: Meine Seele trifft sich mit dem Gott des Lebens. Er wird mir (neu) zur Quelle, aus der ich schöpfen kann. In Seiner Gegenwart atme ich aus und ein, was mir Leben gibt. Dabei wächst eine Vertrautheit, die es mir ermöglicht, echt und ganz sein zu können. Ich muss mich nicht recht-fertigen und beweisen. Stattdessen kann ich mich in Gott fallenlassen und weiß mich verstanden und getragen.

Als Einstieg ins Gebet kann es helfen, bewusst zu atmen, verbunden mit der Vorstellung, dass mein Einatmen Gottes Gegenwart die Türe öffnet. Und dann folgt eine Zeit, in der ich Gott mein Herz öffne, einfach erzähle, hinhöre, Stärkung und Korrektur erbitte. 

Der norwegische Theologe Ole Hallesby (1879-1961) vergleicht das Gebet mit der geöffneten Tür unseres Lebens, wenn er sagt: „Beten bedeutet nichts weiter, als Jesus Zugang zu uns gewähren, so dass er an unsere Not herankommen kann, und ihm erlauben, unsere Not zu teilen und sie zu überwinden, wenn seine Stunde gekommen ist.“  (Aus: Ole Hallesby, Vom Beten, Eine kleine Schule des Gebetes.)

Impuls: Was könnte mir helfen, mein Innerstes für Gottes Gegenwart zu öffnen?

 

Beten passt immer

Gerade, weil ich mich Gott in jeder Situation anvertrauen kann, gibt es keine Lebenslage, in der Beten unmöglich ist. Selbst dann, wenn mir die Worte fehlen, reicht die innere Hinwendung zu Gott und ein schlichtes Seufzen.

Die Bibel, insbesondere die Psalmen, bieten eine reiche Sammlung unterschiedlicher Gebetsarten für ganz unterschiedliche Lebenssituationen. Die Palette reicht von der Bitte für mich selbst oder für andere Menschen über die Klage und dem Bekennen eigener Schuld oder dem Unrecht in unserer Welt bis hin zum Danken und dem begeisterten Loben und Preisen von Gottes Wirken.

Es gibt keine Situation, in der ich Gott ungelegen bin!

Impuls: Gibt es Situationen in meinem Leben, in denen ich es bisher nicht gewagt habe, Gott im Gebet zu suchen? In welcher davon will ich es in nächster Zeit bewusst wagen?

 

Beten verändert

Nicht nur, dass Gott jedes Gebet hört und wir uns sicher sein können, dass es Ihm wichtig ist. Er erhört tatsächlich viele Gebetsanliegen. Es lohnt sich, ein Gebetstagebuch zu führen, in dem wir unsere Gebetsanliegen festhalten. Das Staunen könnte groß sein, wenn wir es nach einiger Zeit wieder zu Händen nehmen.

Genauso wichtig ist aber, dass uns der persönliche Austausch mit Gott immer tiefer in Ihm und Seinem Reden und Wirken verwurzelt. Wir sehen das, was in unserem Leben und um uns herum geschieht, zunehmend mit neuen Augen. Dazu gehört auch, dass wir Sein Wirken in unserer Umgebung bewusster wahrnehmen. Genau das kann uns die Gelassenheit und die Zuversicht schenken, die wir zum Leben brauchen. Wir können anders und besser mit herausfordernden Lebensumständen und beteiligten Menschen umgehen.

Kurz gesagt: Die Begegnung mit Gott im Gebet wird uns verändern.

Impuls: Will ich Gott zugestehen, dass die Begegnung mit Ihm im Gebet mich verändern darf?

 

 

Egal, ob es um unsere ganz persönlichen Zeiten der Begegnung mit Gott im Gebet geht oder um Zellen des Gebets quer durch unsere Gemeinden oder um die Gebete in unseren Gottesdiensten – ich wünsche mir und bete dafür, dass wir in unseren Gebeten immer wieder der Gegenwart Christi begegnen und dass von ihnen eine unwiderstehliche Kraft der Veränderung ausgeht.

 

Thomas Bovenschen, Pfarrer