Thema Monatsgruß 02 03 | 2026
Vorbeugen gegen sexuelle Gewalt in der Kirche
Ganz persönlich – warum arbeiten Sie in der „Fachstelle für den Umgang mit sexualisierter Gewalt in der ELKB“?
Ich will für das Thema „Sexualisierte Gewalt“ und „Prävention“ sensibilisieren und so einen Schutzraum schaffen für Menschen, die uns als Kirche anvertraut sind. Wo immer ich z.B. bei Fortbildungen und Schulungen das Thema anspreche, erlebe ich die Menschen sehr offen. Kirche ist da auf dem Weg zu einer Kultur der Achtsamkeit und mir macht es Spaß, an diesem Kulturwandel mitzuarbeiten.
Inzwischen haben viele Kirchengemeinden in Bayern ein Schutzkonzept. Welche Hoffnung verbinden Sie damit?
Wir können das Risiko von sexuellen Übergriffen nicht auf null setzen, aber wir können das Risiko herabsetzen und die Hürden für mögliche Täter und Täterinnen erhöhen. Es wirkt abschreckend, wenn auf der Internetseite einer Kirchengemeinde steht, dass es ein Schutzkonzept gegen sexuelle Gewalt gibt. Eine andere Hoffnung ist, dass haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende handlungssicher werden, dass man überhaupt über ein Thema sprechen kann, das bislang tabu war. Es ist wichtig, dass wir Regeln vereinbaren, so dass das Wohlfühlen in der Gemeinschaft weiter möglich ist.
Ein Großteil Ihrer Arbeit besteht darin, weiterzubilden und ein Bewusstsein für das Problem zu schaffen. Was fällt Ihnen bei solchen Fortbildungen immer wieder auf?
Zum einen sagen viele Frauen, auch Seniorinnen, wie erleichtert sie sind, dass nun endlich darüber gesprochen wird, was sie selbst erlebt haben. Zum anderen gibt es bei solchen Fortbildungen auch Übungen zum Thema Distanz und Nähe. Da entdecken die Teilnehmenden, wie unterschiedlich sie etwas bewerten. Sie sind unsicher, wie sie sich im konkreten Einzelfall verhalten sollen. Darf man einen jugendlichen Menschen in den Arm nehmen, um ihn oder sie zu trösten? Und dabei fällt uns dann auf, dass wir einen Unterschied machen, ob Mann oder Frau trösten. Hintergrund ist die Erfahrung, dass rund 85 Prozent der Täter Männer sind.
Wegschauen war lange der Umgang mit sexueller Gewalt. Wenn Sie genauer hinschauen: Warum ist die Kirche ein Ort sexueller Gewalt?
Forschende der ForuM-Studie haben evangelische Risikofaktoren herausgefunden: z.B. reden wir nicht über Macht und Abhängigkeit. Jemand, der abhängig von seinem Täter ist, weil der z.B. sein Arbeitgeber ist, hat eher geschwiegen bei sexuellen Übergriffen. Dazu kommt unser Harmoniezwang: Alle sind miteinander befreundet, es kann nicht sein, dass der oder die „so etwas“ macht. Lieber drängt man dann jemanden raus, der Missstände anspricht. Sucht dann ein solches Opfer Hilfe, haben wir eine föderale Struktur. Es ist gar nicht klar, wer zuständig ist; Betroffene wurden „weitergereicht“ und haben nie echte Hilfe erfahren und so konnten auch Taten verschleiert werden. Und schließlich haben wir als Kirche auch eine enorme moralische Fallhöhe. Es fiel uns als Evangelischer Kirche schwer, einzuge-stehen, dass es auch bei uns sexuelle Gewalt gibt, weil wir doch eigentlich schon immer für Menschen in schwierigen Lebenslagen da sein und einen Schutzraum bieten wollten.
Wie ist das Vorgehen, wenn jemand zuhause erzählt, er oder sie hat sexuelle Gewalt erfahren?
Es gilt, diese Person unbedingt ernst nehmen und ihr aktiv zuhören. „Was möchtest du mir sagen?“, sollte die Haltung sein. Dann zeitnah Beratung suchen: Viele Kirchengemeinden und Dekanate haben eine Ansprechperson. Sie kann die Angehörigen über die weiteren Möglichkeiten aufklären. Wichtig ist: Die Ansprechperson berät nicht selber, sondern vermittelt Unterstützungsangebote und ist zur Verschwiegenheit verpflichtet. Unsere Fachstelle hat dann eine eigene Ansprechstelle, die Unterstützung in psychischen Krisen vermittelt und ebenso eine anwaltliche Beratung, wenn das gewünscht wird. Die Ansprechperson bei Erstkontakten informiert aber auch über regionale Fachberatungsstellen. Denn wer in oder durch Kirche Leid erfahren hat, möchte sich dann vielleicht auch nicht an eine kirchliche Stelle wenden.
Eine Arbeitsstelle, die sich mit Schutz und Prävention beschäftigt, kann ja kaum nachweisen, was aufgrund ihrer Arbeit besser geworden ist. Was ist für Sie als Mitarbeiter „Erfolg“?
Jedes Schutzkonzept einer Kirchengemeinde bedeutet doch, da haben sich Menschen Gedanken gemacht, wo in ihrer Kirchengemeinde Gefahrenorte sind. Es gab inzwischen hunderte von Präventionsschulungen und wir merken, Betroffene oder Angehörige, die sich an unsere Ansprechstelle wenden, sind deutlich informierter. Und die Zahl der Ansprechpersonen für den Erstkontakt in den Kirchengemeinden wächst. Das Thema ist gekommen, um zu bleiben.
Das Interview führte Pfarrerin Petra C. Harring
Andreas Lucke ist evangelischer Diakon. Lange
war er in der Jugendarbeit tätig, seit 2021 arbeitet er im Präventionsteam der „Fachstelle für den Umgang mit sexualisierter Gewalt in der ELKB“. Weil er für weite Teile des Kirchenkreises Altbayern-Schwaben zuständig ist, hat er im Dekanat Kempten so manches Schutzkonzept abgenommen, auch in Lindau und Wasserburg.
Schutzkonzept umfasst klare Regeln und Standards
Die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinden in Lindau und
Wasserburg haben ein Schutzkonzept gegen sexualisierte Gewalt
erarbeitet.
Ziel ist es, Menschen in allen Bereichen des Gemeindelebens – von der Kinder- und Jugendarbeit bis hin zu den Seniorenkreisen – wirksam vor Grenzverletzungen und Übergriffen zu schützen. Wer einmal sexualisierte Gewalt erlebt hat, trägt oft ein Leben lang an den Folgen. Deshalb ist es unsere Pflicht als Kirchengemeinde, hinzuschauen, zu schützen und vorzubeugen. Mit dem nun vorliegenden Schutzkonzept erfüllen die Kirchengemeinden nicht nur die Vorgaben der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, sondern setzen vor allem ein Zeichen für Aufmerksamkeit, Verantwortung und gelebte Fürsorge.
Die Erarbeitung des Konzepts begann mit einer Risiko- und Potentialanalyse. Dabei wurden gemeinsam mit Mitarbeitenden und Gemeindegliedern konkrete Gefährdungssituationen identifiziert: Wo besteht ein erhöhtes Risiko für Übergriffe? Welche Schutzmaßnahmen sind nötig und praktikabel?
Ein wichtiger Bestandteil des Prozesses war die Beteiligung der Gemeinden. Zahlreiche Menschen haben sich mit ihren Perspektiven und Erfahrungen eingebracht – sei es durch ausgefüllte Fragebögen, persönliche Gespräche oder die Mitarbeit in der Schutzkonzeptarbeitsgruppe. „Für diese Offenheit und die Beteiligung sind wir sehr dankbar“, so die Kirchenvorstände.
Das nun vorliegende Schutzkonzept umfasst neben klaren Verhaltensregeln auch verbindliche Standards für Schulungen für haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende sowie ein strukturiertes Verfahren für den Umgang mit Verdachtsfällen. Es ist kein einmaliger Abschluss, sondern ein wachsendes Instrument, das regelmäßig überprüft und weiterentwickelt wird.
Unsere Kirchengemeinden sollen ein sicherer Ort für alle sein – ein Ort, an dem Achtsamkeit, Respekt und gegenseitige Verantwortung zum gelebten Alltag gehören. Das Schutzkonzept kann auf Wunsch im Pfarramt eingesehen werden. Auch auf der Gemeindehomepage sind alle relevanten Informationen zusammengefasst.
Kontakt und Infos
Fachstelle für den Umgang mit sexualisierter Gewalt in der ELKB
Kontakt: aktiv-gegen-missbrauch-elkb.de
Ansprechstelle für Betroffene in der ELKB:
Aus dem Fachbereich Prävention zuständig für den Kirchenkreis
Altbayern und Schwaben:
Diakon Andreas Lucke:
Ansprechpersonen für Erstkontakt in Lindau und Wasserburg:
Johannes Steiner, Pfarrer und Klinikseelsorger, 08341 / 9711 830
Antje Weinreich, systemische Therapeutin, 0831 / 590 346 36



