Thema Monatsgruß 08 09 | 2018

Kirche wohin?

Versuch einer Orientierung zwischen gesellschaftlichen 
Entwicklungen, kirchlichen Reformprogrammen und der Wahl 
der neuen Kirchenvorstände

Im Oktober sind die meisten Leser dieses Gemeindebriefes aufge­rufen, einen neuen Kirchenvorstand für die Leitung ihrer Gemeinde zu wählen. In einer Zeit, in der die christliche Kirche für viele Menschen kaum noch von Bedeutung ist, stellt dies eine wahrlich herausfordernde Aufgabe dar. Vier der Herausforderungen möchte ich herausgreifen.

 

1.  Ehrliche Bestandsaufnahme

Es ist absehbar, dass die Kirchenmitglieder in Deutschland bald eine Minderheit bilden. Zugleich sind sie oft überfordert, wenn sie ihren Mitmenschen den Glauben erklären oder persönliche Erfahrungen erzählen sollen. Andererseits bestätigen Untersuchungen ein starkes Interesse an religiösen Themen. Dieses beschränkt 
sich allerdings nicht auf christliche Angebote. Christlicher Glaube ist heute eine Option unter vielen. Diese Konkurrenz könnte das Geschäft beleben. Doch viele Menschen erleben Kirche als eine Institution oder eine Art Dienstleistungsunternehmen, nicht aber als Gemeinschaft. Damit fehlt der Raum für Austausch und geist­liche Erfahrungen wie z.B. Teilen, Umgang mit Schwächen 
oder Versöhnung. Und dann sind da noch die knapper werdenden Ressourcen. Sie zwingen dazu, viel über Einsparmaßnahmen nachzudenken. Möglichkeiten für Wachstum und Aufbruch werden eher selten diskutiert. All dies gilt es aufmerksam wahr­zunehmen. Doch gleichzeitig hat die Kirche eine großartige Ver­heißung! Christus selbst ist ihre Kraft und Garant ihrer Zukunft. 
Die Formen und Strukturen werden sich immer wieder ändern, aber die Gemeinschaft der Gläubigen mit Christus in ihrer Mitte wird ihren Platz finden.

 

2.  Konzentration auf das Wichtigste

Eine ganz wesentliche Herausforderung scheint darin zu liegen, dass die Beteiligten sich in dieser Situation auf das zentrale Thema von Kirche konzentrieren und dafür neu eine Leidenschaft entwickeln. Der Theologe Alexander Garth bringt es mit folgenden Worten auf den Punkt: „Die eigentliche Herausforderung liegt in der Konzentration auf unsere Kernkompetenz, nämlich die Relevanz des Glaubens für das Leben der Menschen überzeugend und einladend zu vermitteln.“ In der Evang.-Luth. Landeskirche in Bayern (ELKB) haben alle kirchenleitenden Organe einen Reformprozess beschlossen. Er trägt den Titel „Profil und Konzentration“ (PuK) und beginnt mit einem bemerkenswerten Leitsatz: „Die ELKB gibt Zeugnis von der Liebe des menschgewordenen Gottes. Sie orientiert sich am Auftrag der Heiligen Schrift und organisiert ihre Arbeitsformen und ihren Ressourceneinsatz konsequent auf das Ziel hin, dass Menschen mit ihren heutigen Lebensfragen einen einfachen Zugang zu dieser Liebe finden.“ Diesen Leitsatz gilt es nun mit Blick auf alle Handlungsfelder von Kirche konsequent durchzubuchstabieren, auch auf der Ebene der Regionen und Gemeinden.

 

3.  Festhalten an der eigenen Identität

Wer auf Desinteresse oder Unverständnis stößt, mag es für einen Ausweg halten, all das zu vermeiden, was Anstoß erregen könnte. Jesus hat das nie getan. Er konfrontierte seine Hörer mit der Botschaft vom Reich Gottes und rief sie auf zur Umkehr von zerstörerischem Verhalten und zur Nachfolge. Das löste sowohl Zustimmung wie auch Ablehnung aus. Hier gibt es heute große Unsicherheiten, auch innerhalb der Kirche. Ist es besser, wegzulassen, woran Menschen Anstoß nehmen könnten? Oder weckt es womöglich sogar Interesse, wenn Christen auch die Teile der Botschaft Jesu zur Sprache bringen, die dem Zeitgeist eher widersprechen? Die Verkündigung der Botschaft Jesu in Wort und Tat ist ein Kernmerkmal christlicher Kirche und damit Teil ihrer Identität. Ich bin zutiefst überzeugt, dass auf längere Sicht eine Kirche, die an ihrer Identität festhält, an Relevanz bei den Menschen gewinnen wird.

 

4.  Mut zur Mission

Wenn der christliche Glaube für viele Menschen nicht mehr relevant ist, die Gemeinden aber an ihrer Berufung festhalten wollen, dann bleibt nur eine Möglichkeit: Die Christen müssen die Botschaft Jesu neu zu den Menschen bringen, mitten in unserem eigenen Land. In der Art, wie dies geschieht, sollte die Kirche aus früheren Fehlern und Verengungen lernen. Dabei hilft die Erkenntnis, dass Mission nicht eine Erfindung der Kirche ist, sondern ihren Ursprung in der Sendung Jesu zu uns hat, initiiert von Gott selbst. Ziel ist zuallererst, dass wir Menschen mit Gott in eine versöhnte Gemeinschaft des Lebens finden können, trotz unserer Schuld. Erst in einem zweiten Schritt werden wir in diese Sendung mit hinein­genommen, und zwar als Zeugen, nicht als Bekehrer. Gute Formen der Mission setzen immer voraus, dass die Begegnungen von einem ehrlichen Interesse an den jeweiligen Menschen und Wertschätzung bestimmt sind, verbunden mit der Bereitschaft, sich an die Orte zu begeben, an denen Menschen ihre Zeit verbringen. Aus solchen Kontakten können womöglich Bibelkreise, Gottesdienste oder sogar neue Gemeinden entstehen. Hier sind Kreativität und Vielfalt gefragt. Soviel aber dürfte klar sein: Die Zukunft der Kirche ist missionarisch!

Das Szenario von Kirche in Deutschland wird sich wahrscheinlich stark verändern. Doch wir haben als christliche Kirche eine Identität, deren Wurzeln jenseits gesellschaftlich-kulturellen Rahmenbedingungen verankert sind. Damit ist ein Auftrag verbunden, der uns herausfordert, nach vorne zu schauen, statt uns einschüchtern zu lassen. Angesteckt von der Leidenschaft Gottes für die Menschen dieser Welt.

Thomas Bovenschen, Pfarrer