Predigt von Regionalbischof Axel Piper zum Lindauer Reformationsfest 2020

 

Liebe Festgemeinde,

„Wer die Wahrheit sagt, sollte sein Pferd gesattelt haben“, sagt eine griechische Weisheit. Oder mit meinen Worten: Wer die Wahrheit sagt oder einfordert und nicht sofort abhaut, der und die braucht Mut. Heute ganz besonderen Mut. Denn er oder sie muss sich auf hässliche Reaktionen einstellen. Vom Spitzenpolitiker über unseren Landesbischof bis zum Bürgermeister auf dem Land - Menschen, die bei uns in öffentlicher Verantwortung stehen, können ein trauriges und besorgtes Lied singen über Hassmails und Kommentare auf facebook und Co.

Es sind verrückte Zeiten. Also wirklich ver-rückt. Die Maßstäbe sind verrückt. Denn statt der Wahrheiten scheint es mehrere Wahrheiten nebeneinander zu geben. Die widersprechen sich, ja, die schließen sich gegenseitig aus. Die jeweils einen sagen dann über die jeweils anderen: Ihr verbreitet doch fake-news. Ver-rückte Zeiten!

 

Und oft kann man die ver-rückten Dinge nicht mal zurechtrücken. Unter unserer Terrasse in der Augsburger Innenstadt war eine Anti-Corona Demonstration und ich wurde akustisch Zeuge. Der Hauptredner, ein Arzt aus Kaufering, stellte eine Behauptung nach der anderen auf, von gefälschten Coronatests bis zu Schäden durch Mund-Nasenmasken. Keine von ihnen hat er erklärt oder zu belegen versucht. Einfach behauptet. Unter dem Beifall seiner Mitdemonstrierenden. Keiner hat nachgefragt oder widersprochen. Wie auch, ging ja gar nicht. Er war ja auch unter denen, die ähnlich denken. Und unabhängig davon: Wer würde sich ernsthaft trauen, auf die Bühne zu steigen und zu sagen: Ich sehe das anders!

Trotzdem laut sagen, was man für wahr hält? Haltung zeigen gegen den Strom?

Die mutige Haltung der Reformatoren kann ich heute nicht genug bewundern:

Ein Martin Luther war den gröbsten persönlichen Anfeindungen ausgesetzt. Morddrohungen -  Luther ging dennoch zu Fuß nach Augsburg, um mit dem Legaten des Papstes zu verhandeln. Die Todesstrafe wird ihm angedroht: er stellt sich trotzdem vor die Spitzen seiner Zeit und sagt: Hier stehe ich nun, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen

Martin Luther ist ganz bestimmt nicht als Held geboren. Wir wissen, wie oft er mit vielen seiner Entscheidungen gehadert hat, wie viele Zweifel ihn umtreiben konnten, wie erschrocken er war, als er gemerkt hat, wen er sich zu da zu Feinden gemacht hat. Es war ein langer innerer Weg bis zu seinem mutigen und entschlossenen Auftreten in Worms. Und dann: was für eine Befreiung, nicht nur für Martin Luther persönlich, sondern Massen haben das erlebt: die Wahrheit zu bekennen, kann frei machen. Ganz so, wie Jesus es im Johannesevangelium sagt:

Jesus sagte …: Wenn ihr bei dem bleibt, was ich euch gesagt habe, seid ihr wahrhaftig meine Jünger und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. ... Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei. (Joh.8,32)

 

Hier stehe ich nun, ich kann nicht anders sind die Worte Luthers, den die Wahrheit frei macht von Angst und Herumtaktieren. Wie Jesus sagt: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“ Und Luthers zweiter Satz ist ebenso wichtig: Gott helfe mir. Amen.

 

Haltung hat nicht nur mit Mut sondern auch mit Halt zu tun: Luther fand offensichtlich so viel persönlichen Halt in der Bibel und in seinem Glauben, darüber hat nichts anderes mehr Platz.  Aufrechter Haltung hat wohl mit Halt im Leben zu tun, zu wissen, was ich glauben kann und was mir wichtig ist. 

 

Wahrhaftig sein aus Überzeugung. Haltung haben, weil man Halt hat. In der Reformationszeit in Lindau waren das der Franziskanermönch Michael Hug, der trotz Konflikte mit dem Lindauer Pfarrherrn Dr. Johannes Faber und anderen angesehenen Lindauern schon 1523 lutherisch predigte. Die Stadt war auf der Seite von Hug und ebenso Vikar Rötlin, hier in St. Stephan, ein Zwinglianer. Ihm folgte der einflussreichste Reformator Lindaus, Thomas Gassner. Auf dem Augsburger Reichstag von 1530 legte Lindau zusammen mit Memmingen, Konstanz und Straßburg schließlich sogar ein eigenes reformatorisches Bekenntnis vor, die Confessio Tetrapolitana (Vierstädtebekenntnis). Lindau war eben immer schon etwas Besonderes! Und zwei Jahre später dann erkannte Lindau die Confessio Augustana, bis heute die Bekenntnisschrift unserer Kirche, an.

Was für eine Zeit! Da sind Menschen am Beginn einer Zeitenwende, einer neuen Weltordnung. Zwischen katholischer und lutherischer und schweizerisch-reformatorischen Weltanschauungen. Das war weit mehr als ein innerkirchlicher Konflikt. Hier musste jeder und jede seine Position finden und behaupten. Es ging schließlich um die Wahrheit.

 „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“

Für das Johannesevangelium ist die Wahrheit nicht mehr verborgen. Sie liegt auf dem Tisch. Ist ausgesprochen. Das Wort ist Fleisch geworden, ist greifbare Wahrheit. Genauer: Christus ist greifbare Wahrheit. Ausgesprochenes Wort Gottes. Fleisch geworden. Fleisch geworden, damit die Liebe Gottes zu allen Menschen kommt und sie frei macht.

Einzustehen für das, was man als Lebenswahrheit für sich entdeckt hat, ist also eine Sache des Muts, des Halts, aber auch der Freiheit.

Meine Lieblingsdichterin Ingeborg Bachmann hat einmal in ihrem Gedichtzyklus Anrufung des Großen Bären geschrieben:

 „Was wahr ist, streut nicht Sand in deine Augen, was wahr ist, rückt den Stein von deinem Grab.

So wahr, so stark und so befreiend, dass es einen aus dem Grab zieht – für mich ist das die Einsicht, dass Gott alle Menschen liebt. Und es ist die Aufgabe unserer reformatorischen Kirche, dieser Wahrheit immer neu Gestalt zu geben. Menschen zu befreien.

 

Gott liebt alle Menschen, das heißt zuerst:

Kirche ist für die Menschen da. Ist kein Selbstzweck. Es geht nicht um die Institution, sondern den Auftrag. Diese Liebe Gottes den Menschen persönlich zu sagen ist Kern unserer Kirche: Corona hat uns vieles gelehrt. Auch gelehrt, endlich selbstverständlicher mit Streamingdiensten und Internet umzugehen, Chancen von websites und zoom-Konferenzen zu nutzen.  Vor allem aber dieses: Der persönliche Kontakt ist durch nichts zu ersetzen. Seelsorge in Krankenhäusern, Seniorenheimen, in Gefängnissen, persönliche Ansprachen bei Besuchen und Veranstaltungen, bei Nachbarschaftshilfen, Tafeln, in der Asylkontaktgruppe, beim Krankenbesuch oder Worten über den Gartenzaun. Der persönliche Kontakt. Vielleicht muss man ihn erst so schmerzlich vermissen um zu lernen, dass er niemals zu ersetzen ist.

Und zweitens: Die Liebe gilt allen Menschen: Auch den Obdachlosen, auch denen, die den Anschluss verloren haben. Die sich wie Verlierer fühlen. Die, die sich in diesen Monaten besonders sorgen. Die, die in diesen Tagen um ihre wirtschaftliche Existenz kämpfen oder um ihr Leben auf dem Mittelmeer auf Lesbos oder auf dem Krankenbett ringen. Die, die sich sorgen um Deutschland und deswegen angefeindet werden. Dietrich Bonhoeffer hat vor gut 80 Jahren unmissverständlich gewarnt:“ Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. Sie muss an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilnehmen, nicht herrschend, sondern helfend und dienend“.

Und drittens: Die Kirche muss in einer Gesellschaft, die immer weiter auseinanderdriftet, Gelegenheiten und Räume schaffen, dass Menschen verschiedenster Herkunft und Erfahrung und Überzeugungen miteinander ins Gespräch zu kommen. Um im Miteinander nach der Wahrheit der Liebe Gottes zu suchen, konkret, heute. Was heißt es, was muss passieren, was darf nicht passieren, damit diese Liebe Gottes Ausdruck bekommt. Kirche muss den Rahmen stecken, damit dieser Austausch, damit dieses miteinander Ringen zivilisiert, sprich barmherzig bleibt. Denn was bleibt nach Demo und Gegen-Demo, auf der sie wieder alle Recht hatten? Als Kirche sollten wir dann zum Zuhören ermutigen, zum gegenseitigen Respekt, zur gebotenen Toleranz, zur Augenhöhe.  So wie es sein muss unter den Kinder Gottes.

Amen