Thema Monatsgruß 12 2018 | 01 2019

Weihnachten hautnah

Weihnachten einmal aus der Sicht von Menschen, die in der 
Bibel nur eine Nebenrolle spielen oder gar nicht erwähnt werden: Ein Hirte und eine Geburtshelferin. Sicher ist ihre Sicht weniger 
kitschig, und sie haben einen ganz anderen Blick darauf, dass 
Gott ein Mensch wurde.

 

… und es waren Hirten auf dem Feld

Die ersten, die von dem Wunder der Weihnacht hören 
sind Hirten. Heute ist der Beruf, den schon die Bibel kennt, fast ausgestorben. Gerhard, Christian und Bärbel Stotz haben eine Schäferei in Münsingen, auf der Schwäbischen Alb.



Sich mit Schafen zu beschäftigen, das ist wie ein Virus, sagt die Familie. Doch ist das Hirtenleben so naturverbunden und romantisch wie es oft auf den Weihnachtsbildern aussieht?

Ja, Hirten sind sehr naturverbunden, aber die Romantik wird sehr verklärt, das ist bis heute in manchen Ländern ein 24-Stunden-Job, wo man seine Herde gegen Wölfe und Bären verteidigen muss. Wir führen unsere Tiere inzwischen am Tag auf die Weide und nachts kommen sie in den Pferch, so dass 
wir abends bei der Familie sind.

 

Gibt es Momente –vielleicht mitten in der Nacht – 
in denen sich ein Hirte dem Himmel ganz nah fühlt?

Es gibt wirklich Momente, in denen alles stimmt, in denen die Schafe 
so eine Ruhe ausstrahlen, dass es sich auf einen überträgt. Das sind 
dann himmlische Momente.

 

Schafe und Hirten spielen eine wichtige Rolle in der 
Weihnachtsgeschichte. Wie erklären Sie sich das?

Nicht umsonst sagt man zu Priestern oder Pfarrern auch ‚Hirte‘. 
Das heißt doch, für seine Herde sorgen, wie es weitergeht, ob alles im Moment passt oder jemand versorgt werden muss. Das ist für mich ein guter Hirte. Und wenn dann heute oft gesagt wird, wir als Gemeinde wollen aber keine dummen Schafe sein, dann kann ich nur sagen: eine amerikanische Uni hat Versuche gemacht. Schafe haben ein sehr gutes Gedächtnis und wissen genau, was ihnen schadet oder guttut. Von 
wegen dumm. Aus unserer Erfahrung können wir sagen, Schafe sind den Menschen sehr ähnlich. Das ist auch meine Erklärung dafür, warum in der Bibel so oft Hirten und Schafe vorkommen. Nur drei Beispiele: Die Schafe wissen ganz genau, was sie sich bei welchem Hirten und welchem Hund rausnehmen können und was nicht, da sind sie wie Jugendliche 
in der 8. oder 9. Klasse, wissen ganz genau, wer ist strenger und wer lockerer. Oder das Thema ‚unzufrieden sein‘: Da stehen die Schafe auf einer guten Weide und nur ein Schaf hat die Idee, da drüben könnte das Futter noch besser sein, da werden alle anderen Schafe hinterher trotten. Kommt einem bekannt vor, oder? Und schließlich: wenn es beim Lammen missgebildete Tiere gibt, dann wird das eine Mutterschaf dieses Lamm nicht säugen, ein anderes wird eher ihr gesundes Lamm nicht säugen und das behinderte vorziehen. Wie bei uns Menschen, manche sind hilfsbereit, andere weniger.

 

… und sie gebar ihren ersten Sohn

Sie fehlen auf fast keiner orthodoxen Weihnachtsikone – zwei Hebammen, die den neugeborenen Jesus baden. Auch wenn 
eine Hebamme nicht ausdrücklich in der Bibel vorkommt, denkbar ist es, dass die erstgebärende Maria sehr gern die Hilfe einer fachkundigen Frau angenommen hat.

 

Dr. Carmen Graf ist Oberärztin in Lindau und seit 20 Jahren Geburtshelferin. Was sagt sie zu einer Geburt auf Heu und 
auf Stroh und zwischen Tieren?

Junge Frauen machen sich zum Glück nicht so viele Gedanken. Aber wenn ich das höre, dann weckt das mein Mitgefühl –Heu, Stroh, Tiere und bei einer Erstgebärenden kann es ganz schön lange dauern. Ich kann nur hoffen, dass Maria jemanden hatte, der ihr Mut zugesprochen hat, sie unterstützt hat, dass Josef fürsorglich war. So 
eine Geburt entspricht natürlich gar nicht den heutigen hygienischen Standards, aber auch heute gibt es ja immer wieder Kinder, die im Auto auf die Welt kommen, weil´s dann auf einmal ganz schnell geht. Oder denken Sie an Flüchtlingsfrauen, die haben sicher Grausameres auf einem Schiff oder im Lager bei einer Geburt erlebt, da sind 
Heu und Stroh fast noch heimelig.“

 

Sie helfen Kindern auf die Welt – hat Ihr Beruf etwas mit 
Weihnachten zu tun?

Für mich ist es bei fast jeder Geburt wie Weihnachten. Dieses neue Leben ist ja für jede Familie ein ganz neuer Anfang, soviel Hoffnung, ein Neubeginn, wie Weihnachten halt. In einem Lied heißt es einmal: du bist ein Geschenk des Himmels, ein Wunder. Wenn ich mir manche Paare so anschaue, dann komme ich schon ins Nachdenken. Da sind solche, die sich ein Kind wünschen und keins bekommen können, da sind andere Kinder, denen man wünschen würde, dass sie anders aufwachsen dürften und doch – es steht nicht in unserer Macht und unserer Entscheidung, 
ob ein Kind kommt, für mich hat da schon noch Gott seine Finger im Spiel.

 

Wird es je zur Routine bei einer Geburt dabei zu sein?

„Ich freue mich auch nach 20 Jahren über jedes neue Kind. Wenn es eine schwere Geburt war, dann manchmal auch mit einer Träne im Augenwinkel, juhu dieses Kind schreit und ist am Leben. Es ist ja keine Geburt wie die andere und ich kriege auch die Gefühle mit, die im Raum sind. Manche Familien sind ganz fasziniert von dem neuen Wesen, schauen nur, sind ganz versunken und mit sich beschäftigt und andere zücken sofort das Handy oder rufen an und eine halbe Stunde später sind dann schon 10 Leute da, das finde ich immer ein bisschen schade und denke, genießt doch erst mal dieses Wunder nur für euch.“


Pfarrerin Petra Harring